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Was ist eigentlich aus der Tennishalle in Filderstadt geworden, wo alles begann? Anke Huber, Sportliche Leiterin des Porsche Tennis Grand Prix, wollte es genau wissen. Bei ihrem Besuch der Geburtsstätte des Turniers traf sie auf einen nachdenklichen Oberbürgermeister – und auf ihre Vergangenheit.

Grün. Aber so was von grün. Die Aufbauten, der Hallenboden, die Anzeigetafeln. Wären da nicht die orangenen Sitzschalen auf der Tribüne, wie man sie damals so hatte, es wäre irgendwie – nur fürchterlich grün. In der Tennishalle Fischer in Filderstadt, Stadtteil Plattenhardt, ist die Zeit stehengeblieben und doch bereit, sofort wieder weiterzumachen. Überall künden Logos und große Lettern von einer geschichtsträchtigen Vergangenheit, die in eine lebendige Zukunft verwandelt werden könnte: Porsche Tennis Grand Prix. An den Wänden: Fotos von allen Porsche-Modellen bis zum Jahr 2005. Im schmalen Gang hinter den Tennisplätzen: alle Turnierplakate seit 1978. In den Katakomben: gerahmte Fotos großer Athletinnen: die Grand Dame des Tennis, Billie Jean King, die junge Chris Evert, eine kämpfende Martina Navratilova, eine verbissene Gabriela Sabatini auf der Jagd nach dem Ball, eine strahlende Anke Huber, fast noch ein Kind. Eben jene Anke Huber, heute Mutter zweier Kinder, schaut sich hier überrascht um und sagt: „Es hat sich gar nichts verändert. Man könnte sofort weiterspielen.“ Das Veto kommt wie ein Return. „Ganz so einfach ist es leider nicht“, sagt Christoph Traub, Oberbürgermeister von Filderstadt.

Weilerhau 6, Plattenhardt, ein schönes Fleckchen mit einer riesigen Tennishalle, entstanden in einer anderen Zeit. Tennis boomt. Drogist Dieter Fischer, Betreiber der Halle, macht mit Porsche als Sponsor gemeinsame Sache. So entsteht 1978 der Porsche Tennis Grand Prix. Ein kleines, eines Turnier, familiär, aber stets hochklassig. Die besten Damen der Welt kommen gern auf die Fildern. Die Zuschauer auch. Das Turnier wird weltbekannt– und wechselt 2006 in die moderne Porsche-Arena. Grund genug, mit Anke
Huber – zweimalige Siegerin in Filderstadt und heute Sportliche Leiterin des Turniers – anlässlich des 40-Jahre-Jubiläums der Geburtsstätte einen Besuch abzustatten. Aber der Wunsch stellt Ellen Schweizer, persönliche Referentin von Filderstadts OB, vor einige Probleme. Im Herbst vergangenen Jahres lief der Erbpachtvertrag mit Dieter Fischer aus. Die Halle ist geschlossen. Ein Gutachten bescheinigt ihr eine gute Bausubstanz, dennoch braucht sie mehr als nur einen neuen Anstrich. An einigen Stellen tropft das Wasser vom Dach in gut platzierte Eimer. Für Anke Hubers Besuch wird extra aufgeschlossen und das Licht angemacht. Hanna Frey von der Stadtkämmerei hat am Tag zuvor noch saubergemacht. Ellen Schweizer versorgt die Gäste mit Kaffee und belegten Brötchen. OB Traub hat für einen Eintrag von Besucherin Anke Huber das goldene Buch der Stadt mitgebracht. Anke Huber sitzt im ehemaligen Spielerinnenbereich, in denselben Korbsesseln wie damals. Der Blick ist frei auf die Halle. Da hinten war die Zusatztribüne für den Centre-Court, daneben Platz eins mit kleiner Tribüne, dann zwei Trainingsplätze. Über der Haupttribüne, wie in Stein gemeißelt, prangt die alte Anzeigetafel aus dem Jahr 1986. Doppelfinale: Navratilova / Shriver gegen Garrison / Sabatini 7:6, 6:4. Die Namen stimmen zwar, aber das Ergebnis hat es nie gegeben. Navratilova / Shriver gewannen damals 6:2, 6:3. „Ein ewiges Rätsel. Das falsche Ergebnis stand schon da, als ich hier zum ersten Mal gespielt habe“, sagt Huber. Ihr erstes Mal: 1989 kämpfte sich Anke Huber durch die Qualifikation, ein Jahr später stand sie im Hauptfeld. 4:4 im dritten Satz gegen die Australierin Rachel McQuillan. Die Damen trugen damals Wickelröcke mit Druckknopf. Der von Anke Huber war kaputt, mitten im Spiel verabschiedete sich der Rock, Huber stand in Unterwäsche da. „Es war mir so peinlich“, erinnert sie sich, „dass ich hinterher keinen Punkt mehr gemacht habe.“ Ein Jahr später der erste Sieg. Als erste Deutsche. Anke war 16 Jahre alt. Der Papa ließ sie ab und zu auf dem Parkplatz mit ihrem Sieger-Porsche fahren. 1994 der zweite Sieg. Ihre Trophäe, ein Elfer Cabrio, fährt sie heute noch. Zwölf Jahre spielte Anke Huber beim Porsche Tennis Grand – einmal war sie verletzt. 2001 war Schluss, Karriereende. Sie wollte ein bisschen Abstand vom Tennis. Aber Udo Cervellini, damals Porsche-Verantwortlicher für das Turnier, gab keine Ruhe. Von 2002 an arbeitete sie als Sportliche Leiterin, 2005 übernahm Markus Günthardt zur großen Freude von Anke Huber als Direktor das Turnier. „Dieses Jahr ist mein 28. Grand Prix“, sagt sie. Fast ein halbes Leben. Da kommt Wehmut auf. „Ich habe schon Tennishallen
in Betrieb gesehen, die waren in schlechterem Zustand“, sagt sie.

Es muss irgendwas mit Sport sein, glaubt OB Traub. Filderstadt, 45 000 Einwohner, hat sieben große Sportvereine. Zudem ist der Porsche Tennis Grand Prix für Traub „ein Teil der Geschichte“ seiner Stadt, die 1970 gegründet wurde. Deshalb war der erste Mensch, der nach der Schließung die Halle betreten durfte, der Stadtarchivar. Er sollte nachschauen, was noch da ist. Es ist noch alles da. Aber wie nutzen? „Wir brauchen Investoren, wir müssen umbauen, denn für nur eine Sportart ist die Halle viel zu groß“, weiß der OB.

„Pizza, Spaghetti Bolognese und Salat“, sagt Huber plötzlich, „das haben wir immer gegessen. War sehr gut.“ An der Wand hängt ein Plakat von Ivan Lendl, eine Erinnerung an das einzige Männerturnier 1979. Darauf schrieb er an den Fußballfreak Dieter Fischer: „Vielen Dank für alles. Und spiel’ lieber Tennis statt Fußball.“ Anke Huber schaut sich noch einmal um. „Eigentlich“, sagt sie, „müssten wir im April während des Turniers mit den Spielerinnen mal hierherkommen. Sie sollten das sehen.“ Dieses Tennismuseum. Ganz in Grün.

TEXT Reiner Schloz
FOTOS Rafael Krötz

19.04.2017

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