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Stuttgart. Porsche-Markenbotschafterin Julia Görges spricht über ihre größte Stärke im Tennis – den Aufschlag.

Sie stellt sich an die Grundlinie, die Beine schulterbreit auseinander. Ihr Blick verfinstert sich, höchste Konzentration ist angesagt. Den Schläger führt sie mit der rechten Hand nach vorne, den Ball mit der linken. Oberhalb des Schlägerherzens berührt der Ball den Rahmen, die Bewegung verharrt für einen klitzekleinen Moment – und dann geht alles ganz schnell. Julia Görges lädt durch. Sie spult die tausendfach trainierten Abläufe ihres Aufschlags wie automatisiert ab: Ball hochwerfen, in die Knie gehen, Schläger in den Rücken fallen lassen, den Körper nach oben katapultieren und den Ball schließlich am höchsten Punkt in voller Streckung treffen. Herauskommt ein Brett: schnell, platziert, nicht zu returnieren für die Gegnerin.

Görges, 1,80 Meter groß, zählt zu den besten Aufschlägerinnen auf der WTA-Tour. „Der Aufschlag ist eine meiner größten Waffen‟, sagt sie. Als Indikator für Servicespezialisten gilt für gewöhnlich die Anzahl der Asse. Es ist so wunderbar einfach und nachvollziehbar, jemanden, der viele Asse serviert, als Top-Aufschläger einzuordnen. Jemanden wie Julia Görges, die in der vergangenen Dekade, also zwischen 2010 und 2019, mit 2.695 Assen die drittmeisten Aufschlagwinner auf der WTA-Tour ins Feld schlug – nur Serena Williams (3.133) und Karolina Pliskova (3.065) überflügelten sie noch. Im Gespräch über ihren Aufschlag macht die Porsche-Markenbotschafterin aber schnell deutlich, dass Asse vor allem eine „nette statistische Spielerei für Fans und Medien‟ seien. „Natürlich ist es schön, wenn man sich auf seinen Aufschlag verlassen kann und dabei auch viele freie Punkte herauskommen. Aber grundsätzlich geht es mir darum, variantenreich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Spinarten und Richtungen aufzuschlagen. Man hat nicht so viel davon, wenn man am Ende der Saison die meisten Asse serviert hat‟, stellt Görges klar.

Allerdings gibt es für die gebürtige Norddeutsche durchaus Momente in einem Match, in denen sie voll auf ein Ass geht. „Das entscheide ich situationsbedingt – und dann gibt es mächtig Zunder‟, scherzt sie. Warum sie so gut aufschlagen kann, erklärt sie so: „Ich habe gute Hebel, einen schnellen Arm und ein lockeres Handgelenk, sodass ich im letzten Augenblick noch die Richtung meines Aufschlags ändern kann. Ich glaube, dass gerade dieser Überraschungsmoment auf der Damentour eher selten ist.‟ Der Aufschlag nimmt eine Sonderstellung im Tennis ein, weil er der einzige Schlag ist, den man unbeeinflusst vom Gegner ausführt. Görges ist sich dessen voll bewusst und trainiert ihre große Stärke systematisch: „Ich denke, dass ich noch besser aufschlagen kann, auch wenn die Luft nach oben dünner wird‟, sagt sie. Plumpes Aufschlagtraining ist vielen Tennisspielern ein Gräuel. Zu eintönig, zu redundant. Als Juniorin trainierte sie ihren Aufschlag nicht schwerpunktmäßig. Sie wollte spielen und nicht stupide zehnmal von der Einstandsseite durch die Mitte servieren.

Ihre Aufschlagstärke bildete sich erst in der Übergangszeit von einer Junioren- zu einer Damenspielerin heraus. Als Profi baut Görges nun explizit Aufschlageinheiten in ihren Trainingstag mit ein. „Manchmal schlage ich eine Stunde lang nur auf‟, erklärt sie. Allerdings braucht sie dann viel Abwechslung, nur stumpf irgendwelche Zielflächen anzuvisieren, mag sie überhaupt nicht. Sie braucht kreative Übungen, in denen auch ihr Gefühl beim Service geschult wird. „Ich will nicht so robotermäßig aufschlagen und meinen eigenen Stil beibehalten‟, betont die Regensburgerin.

Zu den Eigenheiten ihres Aufschlags gehört auch ein unkonventionelles technisches Detail: Wenn sie zum Aufschlag ansetzt und den Schläger nach oben nimmt, lässt sie den Schlägerkopf bei geschlossenem Handgelenk lange nach unten zeigen. Barbara Rittner nannte das in einer Analyse einmal „eine bemerkenswerte Schlägerhaltung‟, Görges selbst spricht von einem „komischen Schnörkel, der bei mir einfach drin ist.‟ Sie zog es aber nie in Erwägung, ihre Technik deswegen umzustellen. Auch keiner ihrer Trainer wollte ihr den Schnörkel austreiben. „Was vor dem Treffpunkt passiert, ist relativ egal. Hauptsache der Treffpunkt selbst sitzt, darauf kommt es an‟, behauptet die Deutsche Nummer zwei. Und genau das ist bei ihrem Service extrem gut: Sie trifft den Ball in der Regel am höchstmöglichen Punkt weit vor dem Körper. Das kann verheerende Folgen für die Gegnerinnen haben. Wenn sich die Porsche-Team-Deutschland-Spielerin erstmal in einen Rausch serviert hat, ist sie nur schwer zu stoppen.

Allerdings: Auch eine starke Aufschlagleistung ist selbst für die 31-Jährige keine Garantie für einen Sieg. Als sie bei den US Open 2019 21 Asse gegen Donna Vekic im Achtelfinale schlug, verlor sie das Match noch 7:6, 5:7, 3:6. Sie servierte zum Matchgewinn – und ausgerechnet dann unterliefen ihr zwei Doppelfehler. Im Rückblick auf diese Partie sagt sie: „Ich habe das Match nicht wegen der beiden Doppelfehler verloren. Es war einfach eine enge Partie. Viele, die die Ass-Statistik sehen, sagen dann, dass ich so eine Begegnung niemals verlieren darf, aber so einfach ist das nicht.‟

2018 erlebte Julia Görges die beste Saison ihrer Karriere: zwei Turniersiege, Halbfinale in Wimbledon, Platz neun in der WTA-Weltrangliste – so hoch wie nie. Ein Gradmesser für ihre hohe spielerische Qualität: ihr Aufschlag, natürlich. In 68 Matches gelangen ihr 492 Asse – WTA-Saisonrekord. Ihre durchschnittlich 7,2 Asse pro Match 2018 waren der Höchstwert ihrer bisherigen Karriere. Knapp 74 Prozent der Punkte bei erstem Aufschlag gewann sie – besser war in dem Jahr nur Serena Williams. Meistens ist die Korrelation ganz simpel: Wenn der Aufschlag gut kommt, funktioniert auch der Rest des Spiels. „Das trifft bei mir auch zu, aber eben nicht immer‟, gesteht Görges.

Was nach einer halben Stunde intensiven Austauschs über ihren Aufschlag deutlich wird: Görges mag es nicht, nur auf ihre Asse reduziert zu werden. Um eine komplette Aufschlägerin wie sie selbst zu werden, ist viel mehr nötig als Asse wie am Fließband zu produzieren. Eine Ausnahme macht sie allerdings: Wenn ihre Asse einem guten Zweck dienen. Zu Jahresanfang in Australien schloss sich Görges sofort der von Nick Kyrgios initiierten Aktion an, um mit 200 Australischen Dollar pro erzieltem Ass die freiwilligen Helfer im Kampf gegen die schlimmen Buschbrände zu unterstützen.

Auch beim Porsche Tennis Grand Prix geht „Jule‟ mit Vorliebe auf das eine oder andere Ass zur Hilfe bei der traditionellen Aktion „Asse für Charity‟. Dabei werden pro erzieltem Ass in der Turnierwoche aller Spieleinnen von Porsche 100 Euro für soziale Einrichtungen gespendet. Im Vorjahr kamen aufgerundet 30.000 Euro zusammen. „Es ist doch schön zu sehen, wenn man mit seinen Aufschlägen, etwas Gutes bewirken kann‟, sagt sie.

Die Charity-Aktion wird nun auch bei der innovativen Turnierserie des Deutschen Tennis Bundes „German Ladies‘ Series presented by Porsche‟ durchgeführt. Bei den 120 Matches der Damen spendet Porsche 50 Euro für jedes Ass. Der Erlös kommt wie beim Porsche Tennis Grand Prix der Stiftung Agapedia, die sich für hilfsbedürftige Kinder engagiert, sowie dem Landessportverband Baden-Württemberg e. V. für das Bundesprogramm „Integration durch Sport‟ zu Gute.

29.06.2020

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